Planetenforschung

Der eisige Hauch des Enceladus

Ein erfolgreicher Last-Minute-Fototermin für Cassini war der Enceladus-Vorbeiflug am 21. November. Ungeahnte Details von eisspeienden Geysiren, und von "Baghdad Sulcus", einer der langgezogenen, "Tiger Stripes" genannten Furchen, konnten abgelichtet werden, bevor sich die aktive Südpolregion in winterliche Finsternis hüllt. Auch die Oberflächentemperatur entlang der Spalte, die eine entscheidende Rolle für das Verständnis der vulkanischen Aktivitäten spielt, wurde mit der Wärmebildkamera CIRS in nie dagewesener Auflösung vermessen.
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"Wie die Perlen einer Kette"

"Es ist faszinierend. Die neuen Bilder der Plumes werfen ein ganz neues Licht auf das Ausmaß der Aktivität", sagt Dr. Frank Postberg, Wissenschaftler im Team des Staubinstruments CDA auf Cassini. Obwohl es sich noch um unbearbeitete Bilder handelt, sieht man schon auf den ersten Blick, dass sich die Fontänen wie die Perlen einer Kette entlang der geologischen Verwerfungen aufreihen. Bisher war nur ein Dutzend isolierter Schlote bekannt. Die jetzt beobachteten, durchgehenden Vorhänge übertreffen selbst die kühnsten Erwartungen der Forscher.

Die Aktivität des kleinen Eismondes verblüfft die Wissenschaftler immer wieder aufs Neue. Anfang des Jahres konnte Postberg nachweisen, dass die Fontänen mit einem Reservoir aus flüssigem Wasser in Verbindung stehen - nach der Erde die beste Umgebung für einfaches Leben im Sonnensystem.

Bis zu 170 Kelvin oder - 100 Grad Celsius Oberflächentemperatur wurde schon in den Tiger Stripes gemessen. Für irdische Verhältnisse ist das außerordentlich kalt. Doch im Vergleich zur Umgebung auf Enceladus, die nochmal 100 Grad kälter ist, ist dies ein erstaunlicher Wert.
Rillen, Furchen und geologische Brüche in der Region um Baghdad Sulcus, einer der vermuteten Quellen der Enceladus-Geysire.

Rillen, Furchen und geologische Brüche in der Region um Baghdad Sulcus, einer der vermuteten Quellen der Enceladus-Geysire.

Woher jedoch die Wärme kommt, ist noch nicht geklärt. Rechnet man alle in Frage kommenden Wärmequellen (d.h. Gezeitenkräfte von Saturn und seinen Monden, sowie radioaktive Zerfällen im Inneren von Enceladus) zusammen, kommt man nur auf ungefähr ein Drittel dessen, was Enceladus momentan in den Weltraum pustet. Um diese Zusammenhänge besser zu durchschauen, wird auch die neue, hochaufgelöste Temperaturkarte ein wichtiges Puzzleteil darstellen.

Für eine optische Beobachtung der Tiger Stripes hat Cassini seine vorerst letzte Chance genutzt. Die Jahreszeiten von Enceladus verlaufen parallel zu denen des Saturn, der mit der momentanen Kantenstellung der Ringe den Winter auf der Südhalbkugel einläutet. Damit geht über den Tiger Stripes die Sonne ebenfalls für ein halbes Saturnjahr unter - das sind gut 14 Erdenjahre Dunkelheit.

Bei diesem Vorbeiflug näherte sich Cassini nur bis auf ungefähr 1600 Kilometer an Enceladus an. So war die Perspektive für die Kameras optimal. Das vorherige Zusammentreffen mit dem Eismond am 2. November in nur 100 Kilometer Entfernung war dagegen ein regelrechter Streifschuss. Hier flog Cassini erstmals mitten durch die Geysire hindurch, und bot so ein volles Programm für Staub- und Gas-Instrumente, die die Zusammensetzung und Struktur der Fontänen direkt vor Ort erkunden konnten.

Weitere atemberaubende Bilder des Cassini-Vorbeiflugs finden Sie hier.


Peter Strub arbeitet als Doktorand in der Arbeitsgruppe "Kosmischer Staub" des Max-Planck-Instituts für Kernphysik in Heidelberg. Dort wurde auch der Cosmic Dust Analyzer (CDA) gebaut - das Staubexperiment auf Cassini."