Herrmanns Himmelsblicke Juni 2010

Held mit schwachem Auftritt

Im Juni beginnt der astronomische Sommer. Während ihrer scheinbaren Jahresbewegung auf dem Tierkreis erreicht die Sonne am 21. Juni um 13.28 Uhr den nördlichsten Punkt ihrer Bahn und markiert damit den Zeitpunkt des Sommeranfangs. Deshalb erhebt sich die Sonne auch am Mittag dieses Tages (für Berlin) bis auf 61 Grad über den Horizont – eine Rekordmarke! Für Orte auf dem nördlichen Wendekreis steht die Sonne am Mittag des 21. Juni im Scheitelpunkt (Zenit). Wenn Sie zu dieser Zeit also gerade einen Urlaub in Mexiko (La Paz) oder Indien (Kalkutta) verbringen, können Sie feststellen, dass senkrechte Gegenstände zu Mittag keinen Schatten werfen. Das ist in unseren Breiten niemals der Fall.

Immerhin erleben wir aber zum Sommeranfang den längsten Tag des Jahres. Zwischen Sonnenauf- und -untergang liegen etwa 16 Stunden 50 Minuten. Wegen der nach Sonnenuntergang noch folgenden Dämmerung bleibt es in diesen Tagen extrem lange hell, und entsprechend spät können wir auch die Sterne des Firmaments erkennen. Sinnvollerweise verlegen wir also die Zeit unserer Himmelsbetrachtungen jetzt auf etwa 22.30 Uhr.

So richtig dunkel wird es im Vergleich zu den Winternächten ohnehin nicht, denn die Sonne versinkt auch um Mitternacht (1 Uhr MESZ) nur wenige Grade unter den Horizont. Dadurch bleibt eine Aufhellung des Himmels durch das Streulicht der Sonne bestehen, die man besonders in Richtung Norden deutlich erkennen kann.

Ausgerechnet der zweifellos tollkühnste Held der griechischen Mythologie, Herkules, macht als Sternbild einen eher schwächlichen Eindruck. Zwar erstreckt sich das Bild über eine vergleichsweise große Fläche des Firmaments, doch leuchten seine Sterne relativ unscheinbar. Im antiken Griechenland nannte man die Figur den „Knienden“, später erst kam „Heracles“ ins Spiel, der bei den Römern Herkules genannt wurde.

Wir finden die Figur im Juni um 22.30 Uhr in großer Höhe in südöstlicher Richtung. Nach Mitternacht hat sie sich dann zum Süden bewegt. Der Hauptstern Ras Algethi (arabisch: Kopf des Knienden) zählt zu den Riesen im Kosmos. Sein Durchmesser beträgt etwa das 800-fache des Durchmessers unserer Sonne. Der Lichtstrahl, der uns von diesem Stern heute erreicht, hat dessen Oberfläche vor bereits etwa 500 Jahren verlassen.

Der Bärenhüter Bootes befindet sich rechts von Herkules und hat um Mitternacht bereits den Südwesten erreicht. Links (oder östlich) des antiken Helden erkennt man die Sternbilder Leier und Schwan, die uns in den kommenden Monaten noch näher beschäftigen werden. Der Löwe kann tief im Westen gesehen werden. Im Sternbild Herkules finden wir auch ein besonders interessantes Objekt, das der berühmte Kometenberechner Edmond Halley im Jahre 1714 entdeckt hat. Der französische Astronom Charles Messier (1730–1817) trug es unter der Nummer 13 in seinen 1771 erschienenen Nebelkatalog ein. Deshalb heißt dieses Objekt bis heute „Messier 13“ (M 13). Es handelt sich jedoch bei den Messier- Objekten keineswegs immer um wirkliche Nebel aus Gas oder Staub. So auch in diesem Fall: M 13 ist ein Kugelsternhaufen, einer von bisher etwa 150, die man in unserem Milchstraßensystem entdeckt hat. Das sind kugelförmige Sternansammlungen mit einer starken Verdichtung zur Mitte hin.

Sämtliche Kugelsternhaufen umgeben das Milchstraßensystem in einem großen kugelförmigen Raum und bewegen sich um das Zentrum. Auch bei anderen Sternsystemen beobachten wir das Vorkommen von Kugelhaufen. Sie gehören zu den ältesten Gebilden überhaupt und enthalten nur Sterne der „ersten Generation“, in denen die schweren Elemente noch fehlen, die sich erst als Folge der Kernsynthese im Inneren von Sternen aufbauen. Der Herkules- Haufen hat einen Durchmesser von knapp 150 Lichtjahren und kann in klaren Nächten mit dem bloßen Auge als schwaches Nebelfleckchen gesehen werden. Seine Distanz beträgt etwa 25 000 Lichtjahre. Mit einem Fernglas zeigt er sich deutlicher. Da hier mehr als 300 000 Sterne auf vergleichsweise engem Raum konzentriert sind, erhofften sich die Astrophysiker dort bereits vor Jahrzehnten eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für das Vorkommen von intelligentem Leben. Im Jahre 1974 wurde deshalb eine verschlüsselte Botschaft mithilfe des riesigen Arecibo-Radioteleskops auf Puerto Rico in Richtung M 13 gesendet. Die Post ist also unterwegs. Auf eine Antwort müssten wir allerdings – das Vorhandensein einer technischen Zivilisation vorausgesetzt – fast 50 000 Jahre warten.

Quelle: Märkische Oderzeitung/ www.moz.de